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Kommentar:Hygiene in Krankenhäusern Drucken
Artikel - Medizin
Geschrieben von: Dirk Jahnke   
Dienstag, den 24. August 2010 um 11:13 Uhr

Im Rahmen des Vorfalls an der Mainzer Uni Klinik kocht die Kritik an den hygienischen Verhältnissen in deutschen Kliniken im Moment hoch. Vieles wird vermischt , Gesetze werden gefordert / angekündigt.

In meinen Augen hat dieser Vorfall aber nur indirekt etwas mit der praktischen Versorgung von Patienten zu tun. Die Kontamination hat ja scheinbar im Bereich der Apotheke stattgefunden. Das ganze in einem so genannten Reinraum. In diesem Bereich wird „lediglich“ produziert. Alltägliche Probleme wie Keimverteilung zwischen Patienten spielt hier keine Rolle. Patienten kommen mit diesem Bereich nicht in Kontakt. Das verwendete Material kommt direkt aus der Industriellen Fertigung. Das Personal hat keinen direkten Patientenkontakt.Trotzdem werden die 40 - 60.0000 an nosokomialen Infektionen verstorbenen Patienten mit in die Diskussion eingebracht. Hier wird einiges vermischt.

 



Im Bereich der Hygiene gibt es sicher viele Baustellen. Und im Rahmen der Personalreduzierung werden die Probleme nicht kleiner werden. Jedoch ist dieser Vorfall sicher eher ein schlechter Aufhänger um Missstände zu analysieren.

Hygiene kostet Geld. Geld ist keins da. Es mag einfach klingen Hygienemängel auf die Personalsituation zu schieben. Jedoch ist so mancher Hygieneskandal mit dem Bestreben nach Einsparungen zu erklären. Und hier wird seit Jahren an der Schraube Personalkosten gedreht. Dies betrifft den Bereich Qualifikation aber auch den Stellenschlüssel. In einer Situation in der ich von einem Patienten zum nächsten renne fällt  z.B. die korrekt durchgeführte Händedesinfektion schon mal hinten rüber. Betreue ich 4 Patienten im Bereich einer Intensivstation muss noch nicht einmal ein s.g. Notfall eintreten ,um von einem Patienten zum nächsten zu hetzen.

Ein Beispiel:

Ich betreue z.B. 2 Patienten intubiert beatmet und kreislaufinstabil und 2 Patienten zur Überwachung. Patient 1 hat Sekret im Beatmungszugang (Tubus), die Sauerstoffversorgung wird schlechter, er hustet, ist unruhig die Angehörigen sind aufgeregt. Er muss abgesaugt werden. Gleichzeit muss bei Patienten 2 das Kathecholamin gewechselt werden. Eine Spritze die den Kreislauf stabilisiert muss also getauscht werden. Dies muss mit einer 2. Spritze parallel /überlappend durchgeführt werden damit der Kreislauf nicht einbricht. Patient 3 ist ein EKG Kleber abgegangen ,so das er nicht mehr überwacht wird und Patient 4 möchte seine volle Urinflasche gewechselt haben da  er harntreibende Medikamente bekommt und die Blase drückt. Diese Bereiche (alle mehr oder weniger Zeit kritisch) müssen abgearbeitet werden. Schafft man es tatsächlich eins nach dem anderen komplett abzuarbeiten sind z.B. schon 8 Händedesinfektionen durchzuführen.

Da man wahrscheinlich Prioritäten setzen wird , ist es wahrscheinlich, dass man Schwerpunktmässig abarbeitet. Also einen Teil der Tätigkeit erledigt und Dinge, die etwas Zeit haben in einem 2. Anlauf erledigt. Z.B. kann man den Patienten absaugen und die Nachsorge im 2. Anlauf machen. Es kommt also nicht zu 8 Desinfektionen sondern zu z.B. 16. (Immer vor und nach Patientenkontakt, teils auch im Patientenkontakt - hängt von der Tätigkeit ab) Die hier beschrieben Situation, die wirklich nicht selten ist, führt also in der Konsequenz zu 16 Händedesinfektionen (30 Sekunden Einwirkzeit/ ca 45 Sekunden Gesamte Durchführung) mit einem Zeitaufwand von 12 Minuten . Die hier beschriebenen Tätigkeiten sind dabei nur Reaktionen auf Akutsituationen und haben nichts mit der Routinemässigen Versorgung dieser Patienten zu tun. Diese Situationen mit schnellem Patientenwechsel treten mehrmals am Tag auf. Jeder Patientenwechsel birgt die Gefahr der Keimverschleppung eine Händedesinkektion ist also absolute Pflicht.

Betreue ich nur 2 instabile Patienten geht der nötige Pflegeaufwand pro Patient schnell in den Bereich von mehreren Stunden.  Insgesamt sollte man bei 4 Patienten in meinem Bereich auf 100 Händesesinfektionen pro Schicht kommen. Springt man von einem Patienten zum nächsten eher mehr. Mal ganz davon abgesehen das 2 instabile Patienten grundsätzlich für eine Pflegekraft zu viel sind !

Und es wird allgemein eher schlimmer. Neben Personalreduzierung bleiben auch immer mehr Stellen gerade im Funktionsbereich unbesetzt. Parallel dazu werden die Patienten immer kränker. Die Medizin versucht immer invasiver auch durch den technischen/medizinischen Fortschritt Leben auch bei höherem Alter zu „retten“. Um so mehr Technik am Patienten, um so grösser auch der hygienische Aufwand mit weniger Personal.

Das wissen um die Hygienischen Notwendigkeiten ist da, Richtlinien wird es meist auch geben doch die Umsetzung wird immer schwieriger.

Folgen Dieses Personalmangels sind z.B.

-tiefe Sedierung von beatmeten Patienten um Sicherheit zu schaffen (erhöht die Gefahr der Lungenentzündung am Beatmungsgerät - verlängert die Beatmung)
-auslassen der Händedesinfektion oder nicht beachten der Einwirkzeit
-vorausschauendes Zubereiten von Spritzen und Infusionen mit langer Liegezeit und der Gefahr der Kontamination
-nicht sachgemäßes Aufbereiten von Medizinprodukten

und so weiter

Neue Gesetze werden daran wenig ändern. Das Thema Krankenhaus muss grundsätzlich aufgearbeitet werden. Was fordert die Gesellschaft an Versorgung und was will sie dafür bezahlen. Vergleicht man Infektionsraten über die Landesgrenzen hinweg muss man halt auch mal den Stellenschlüssel und den medizinischen Anspruch vergleichen !!

http://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/material/dip_Pflege-Thermometer_2009.pdf


http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=74605

http://www.aseptica.com/pdf/1_04.pdf

 

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